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Initiativ- und Servivebüro Gutes Aufwachsen mit Medien

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Veröffentlicht am: 04.09.19

Geschlechterrollen in den Sozialen Medien

Die Funktionen von Medien im Jugendalter sind vielfältig. Eine besondere Bedeutung kommt ihnen bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität zu: Medien vermitteln gesellschaftlich geprägte Vorstellungen von „Männlichkeit“ und Weiblichkeit“. Bestimmte Medieninhalte und Medienhandlungen werden oft als „typisch“ männlich oder weiblich gerahmt. So bietet sowohl die Produktion von Medieninhalten in den Sozialen Medien als auch die Nutzung der dort vorhandenen Inhalte Gelegenheit, sich der eigenen „Männlichkeit“ oder Weiblichkeit“ zu versichern.

YouTube als beliebteste Social Media Plattform

YouTube gehört seit Jahren zu den relevantesten Social Media Plattformen von Jugendlichen.1 Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die deutliche Mehrheit der Jugendlichen überwiegend Inhalte auf der Plattform rezipiert anstatt selbst produziert. Auf YouTube waren im Jahr 2018 zwar 90 % der befragten Jugendlichen als Zusehende mehrfach in der Woche aktiv, 2 jedoch nur ein Prozent der Jungen stellte mehrmals in der Woche eigenes Videomaterial auf der Plattform online. Bei Mädchen fiel diese Aktivität noch geringer aus. 3

Somit sind Jungen aktiver und dadurch sichtbarer auf YouTube. Die starke Präsenz männlicher YouTuber bietet v.a. anderen Jungen Vorbilder. Mädchen müssen diese für sich auf YouTube eher suchen. Zugleich werden die Mädchen, die in den Sozialen Medien aktiv sind, stärker als männliche YouTuber mit feindseligen und v.a. sexistischen Kommentaren zu ihren Beiträgen konfrontiert. 4 Dieser Umstand begünstigt womöglich, dass Mädchen die Konkurrenz zu männlichen YouTubern meiden und sich v.a. auf traditionell weibliche Themen zurückziehen. Die aktuelle Malisa-Studie stellt fest, dass auf YouTube oftmals veraltet anmutende Stereotype vorzufinden sind: „Während Frauen sich überwiegend im privaten Raum zeigen, Schminktipps geben und ihre Hobbies präsentieren (Basteln, Nähen, Kochen), bedienen Männer deutlich mehr Themen: von Unterhaltung über Musik bis zu Games, Comedy und Politik.“ 5

Entsprechend der unterschiedlichen Produktionsgewohnheiten unterscheiden sich Jungen und Mädchen auch hinsichtlich der von ihnen favorisierten Genres. Diese werden überwiegend in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Geschlechtsrolle oft „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gewählt.

Bildbeschreibung

Jungen bevorzugen Humorvolles und Let´s Play-Kanäle

Jungen schauen sich auf YouTube häufiger als Mädchen Videos zur Belustigung an. Dabei werden von den Jungen oft solche Videos als spaßig erlebt, die andere Jungen in gewagten und/oder missglückenden Situationen zeigen. Hierzu gehören sportliche Aktionen, die an Stunts erinnern und gelegentlich anders ablaufen als geplant. Der risikohafte Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit spielt dabei oft eine Rolle und wird zugleich als männlich gerahmt. 6 Auch die bei Jungen sehr beliebten „Prank“-Videos, in denen Ahnungslosen Streiche gespielt werden, tragen den Aspekt des Risikos in sich: Geht der Streich auf oder wird das Vorhaben enttarnt? Reagiert der Reingelegte vielleicht aggressiv? Mit den Videos vermittelt sich zugleich die Botschaft, dass es v.a. Jungen und junge Männer sind, die gesellschaftliche Spielregeln überschreiten und dabei Mut beweisen.

Digitale Spiele, die vielfach auf Leistungsfähigkeit und Konkurrenz ausgerichtet sind, werden ebenfalls stark mit einer männlichen Geschlechtsrolle verbunden. Let´s Play-Videos greifen diese Zuschreibungen auf und zeigen dokumentarische Mitschnitte von Spielprozessen, die kommentiert werden. Für die Produzierenden von Let´s Plays stellt ihr Tun eine Möglichkeit zur Selbstpräsentation und eine Quelle von Anerkennung dar. In den Kommentaren unter einem Let´s Play-Video können zudem die Zuschauenden durch ihre Anmerkungen auch eigenes Expertenwissen kundtun, so selbst Status produzieren und sich zugleich innerhalb einer männlich bestimmen Szene verorten. 7

Beauty- und Lifestyle-Vlogs

Die Selbstvergewisserung und Statusproduktion ist bei Mädchen und jungen Frauen traditionell stark an das Thema Schönheit geknüpft. Von hohem Interesse sind für sie daher häufig sogenannte Beauty- und Lifestyle-Vlogs. Im Zentrum dieser Kanäle stehen v.a. Tipps und Anleitungen, um sich mittels Kosmetik und Mode, aber auch durch Sport und Ernährung den gängigen Schönheitsidealen anzunähern. Dabei können Mädchen unter Druck geraten, immer schön sein zu müssen - und dafür zahlreiche Produkte und Modeartikel zu kaufen. Gleichzeitig bieten die Beauty- und Lifestyle-Vlogs aber auch Anlass zur Diskussion von Schönheitsidealen und zeigen oftmals vielfältigere Bilder von weiblicher Schönheit als Zeitschriften oder das Fernsehen. 8

In den Beauty- YouTuberinnen finden weibliche Jugendliche zudem Rollenmodelle im gleichen Alter oder im Alter einer „großen Schwester“, mit denen sie sich in Beziehung setzen können. Diese vermitteln oftmals nicht nur Styling- und Produkttipps, sondern berichten ebenso von ihren Lebens- und Beziehungserfahrungen, wie sie beispielsweise mit Streitigkeiten oder persönlichen Unsicherheiten umgehen oder beziehen auch Position zu aktuellen Themen. Ähnlich wie die Let´s Play-Videos für die Jungen eröffnen die Beauty- und Lifestyle-Vlogs für die Mädchen einen Kommunikationsraum, in dem sie teilweise sehr solidarisch miteinander umgehen und sich zu Alltagsthemen austauschen. 9

Schlussgedanke

Beliebte YouTuberInnen können ein guter Anlass sein, um mit Jugendlichen über ihre Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit und das eigene Selbstbild ins Gespräch zu kommen. Dabei sollten mögliche einengende Vorstellungen von Geschlechterrollen aufgedeckt und der Raum für individuelle Entwicklungsmöglichkeiten erweitert werden.



[1] JIM-Studie 2018. Jugend-Information-(Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12 bis 19-Jähriger in Deutschland. Verfügbar unter https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2018/ [Stand 10.07.2019] [2] dies., S. 48 [3] dies., S. 50 [4] Döhring, N. (2015): Die YouTube-Kultur im Gender-Check. In: merz, 1/2015, 59 Jg., S. 17-24. [5] Prommer, E./Wegener, C. (2019). Weibliche (Selbst )Inszenierung in den Sozialen Medien. Verfügbar unter https://www.malisastiftung.org/geschlechterdarstellung-neue-medien/ [Stand 10.07.2019] [6] Raithel, J. (2003). Risikobezogenes Verhalten und Geschlechtsrollenorientierung im Jugendalter. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 11/2003, S. 21-28. [7] Witting, T. (2015). Mediennutzung von Mädchen und Jungen im Jugendalter. Eine exemplarische Betrachtung unter dem Genderaspekt. In: deutsche jugend, Zeitschrift für die Jugendarbeit, 10/2015, 63. Jg., S. 419 - 427. [8] Witting, T. (2019). Mädchen und junge Frauen auf Instagram. Zwischen Schönheitsnormen und Empowerment. In: v. Gross, F./Röllecke, R. (Hg.): Instagram und YouTube der (Pre-) Teens. Inspiration, Beeinflussung, Teilhabe. München: Kopaed. [9] Döhring 2015, S. 19

Prof. Dr. Tanja Witting, Diplom Sozialpädagogin lehrt Medienpädagogigk an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Braunschweig/Wolfenbüttel

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