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Initiativ- und Servivebüro Gutes Aufwachsen mit Medien

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Veröffentlicht am: 29.03.21

„AntiAnti“ - Radikalisierung im Netz entgegenwirken

Ein ästhetisches ansprechendes Bild auf Instagram oder ein modern gedrehtes Musikvideo auf YouTube: Was zunächst scheinbar harmlos wirkt, lässt sich bei genauerer Betrachtung ganz anders einordnen. Rechtsextreme und islamistische Akteure nutzen Soziale Medien, um menschenverachtende und demokratiefeindliche Ideologien zu verbreiten. Die Bilder, Videos und Texte sind dabei oft hip und optisch anschaulich gestaltet und enthalten geglättete Botschaften mit scheinbar unverdächtigen Begriffen, sodass die verbreiteten menschenfeindlichen Weltbilder dahinter auf den ersten Blick nicht immer sofort zu erkennen sind. So versuchen sie insbesondere junge Menschen zu erreichen, die digital aufwachsen und im Netz nach Antworten auf Fragen suchen, um die Welt besser zu verstehen und das eigene Ich zu erkunden.

Bei der Sensibilisierung von Jugendlichen für extremistische Ansprachen und Angebote setzt das Projekt AntiAnti des Vereins mediale pfade an. Über das Projekt sprachen wir mit Fidel Bartholdy, der dort als Projektmanager tätig ist.

Das Projekt AntiAnti

Das Projekt AntiAnti bietet an kontemporären medialen Lebenswelten, vor allem Jugendlicher, orientierte Workshops an, die auf die Themen Rechtsextremismus, Islamismus und Antisemitismus spezialisiert sind. Ziel ist es, primärpräventiv der On- und Offline-Radikalisierung vorzubeugen, indem Jugendliche und junge Erwachsene für menschenverachtende Ideologien im Netz, die ausgenutzten Mechanismen der Sozialen Medien und auch für das Thema Diskriminierung im Allgemeinen sensibilisiert werden.

Primärprävention setzt im Vorfeld von Radikalisierung an und zielt auf die generelle Identifikation mit demokratischen Grundwerten ab. „Dazu gehört auch, über Ideologien der Ungleichwertigkeit, die Menschen aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit abwerten, zu sprechen und aufzuklären“, erläutert Fidel Bartholdy. Gleichzeitig geht es darum, jungen Menschen das nötige Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie Inhalte im Netz, die gruppenbezogene menschenfeindliche Ansichten verbreiten, erkennen und entsprechend einordnen können. Teilnehmen an den Workshops können Gruppen aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Für schulische und außerschulische Einrichtungen in Berlin sind die Workshops kostenfrei, da die Kosten durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gedeckt sind.

Zudem richtet sich das Projekt AntiAnti in Fortbildungen auch an pädagogische Fachkräfte, die ebenfalls die Themenfelder Rechtsextremismus, Islamismus und Antisemitismus im digitalen Raum aufgreifen und Reflektionsprozesse zur eigenen Haltung anstoßen und Handlungsmöglichkeiten für die eigene Arbeit aufzeigen.

Workshops für Jugendliche - Strategien erkennen und kritische Denkprozesse anregen

Die Workshops werden entsprechend der Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst. Gibt es zum Beispiel bestimmte Ereignisse wie rechte Aussagen oder Ausgrenzungen in einer Schulklasse, wird auf das Thema Rechtsextremismus vertiefter eingegangen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie geht es in vielen Workshops - die momentan online stattfinden - auch um Zusammenhänge zwischen Verschwörungserzählungen und Rechtsextremismus sowie Antisemitismus.

Jeder Workshop beginnt damit, dass erstmal Erwartungen und Erfahrungen der Teilnehmenden erfragt und sensible Umgangsregeln mit den oft persönlichen Beiträgen Aller vereinbart werden. Zugleich geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen von Diskriminierung zu schaffen: Was bedeutet Diskriminierung? Was ist eine Ideologie? Warum werden Menschen abgewertet? Welche Weltbilder stecken hinter menschenverachtenden Ansichten? Für den Einstieg in einen Diskurs eignen sich auch kurze Videoinputs, beispielsweise Erklärvideos oder ein Quiz. „Grundsätzlich ist es sehr wichtig auf die Gruppendynamik zu achten und ein gutes Maß an einem offenen Austausch zu finden. Entscheidend ist dabei vor allem auch, nicht bewertend und verurteilend miteinander ins Gespräch zu gehen, Denkprozesse nicht vorzugeben und als Workshopleitung gleichzeitig eine klare Haltung einzunehmen, die aber nicht vorschreibt“, sagt Fidel Bartholdy. „Hier sollte man auch bedenken, dass die Jugend auch eine Zeit der Neugier, der Entdeckung und auch der Abgrenzung sowie der Provokation ist.“

Nach der Vertiefung zu Grundlagen eines bestimmten Themas, führen die Teilnehmenden dann selbst eine Medienanalyse durch, indem sie sich Videos, Bilder und Texte mit extremistischen Botschaften in Sozialen Medien anschauen und entsprechend decodieren. Ziel ist es, gemeinsam herauszufinden, wie sich extremistische Ideologien online äußern und wie versucht wird, diese mittels Jugendsprache und Lifestyle-Elementen in die Lebenswelt Jugendlicher zu transportieren. Zentral ist hier, ein Verständnis für Codes in Sprache und Bild zu entwickeln, die von Extremisten genutzt werden, um ihre Ansichten in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Bei Inhalten mit emotionaler Sprache und reißerischen Überschriften sollte unbedingt genauer hingeschaut werden. Insbesondere dann, wenn unterschiedliche Meinungen nicht berücksichtigt werden und eine absolute Wahrheit in Anspruch genommen wird. „All das deutet dann darauf hin, dass es sich um eine starke, tendenziell extreme Ansicht handelt“, erklärt Fidel Bartholdy.

Für das Erkennen von extremistischen Strategien in Bildern, Videos und Texten und die anschließende Einordnung ist es zudem wichtig, ein Grundverständnis davon zu haben, was eine politische Ideologie ist und welche Überzeugungen und Weltbilder dahinterstehen. Es geht also auch darum, die kritische Urteilskraft von jungen Menschen in den Workshops zu stärken. Ziel ist es hier, zu erkennen, wo Angebote, auf die man in Sozialen Medien und Plattformen stößt, politisch zu verorten sind.

Überdies geht es in den Workshops immer um die Frage der eigenen Positionierung und Haltung. Wie kann zum Beispiel damit umgegangen werden, wenn im eigenen Umfeld Personen Aussagen tätigen, die rechtsextreme Ansichten transportieren? „Hier arbeiten wir auch mit Bausteinen aus Argumentationstrainings und vermitteln Argumente gegen rechte Parolen.“

Peer-to-Peer-Arbeit: Jugendliche stärken selbst aktiv zu werden

Neben den einmalig stattfindenden Workshops, setzt das Projekt AntiAnti im Bereich der Peer-to-Peer-Arbeit an, bei der das Lernen und der Austausch von und mit Gleichaltrigen zentral ist. Ziel ist es, Jugendliche und junge Erwachsene in Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen entsprechende Inhalte und Methoden aus den Workshops zu vermitteln, sodass sie selbst aktiv werden können. Vorstellbar sind dabei verschiedene Formate: Workshops, die junge Menschen für Gleichaltrige anbieten, die Durchführung von Sprechstunden, in denen themenrelevant beraten und unterstützt wird oder die Gestaltung eines medialen Projektes - beispielsweise im Rahmen einer Schul-AG - das sich mit Extremismus und Online-Radikalisierung auseinandersetzt. Fidel Bartholdy betont, dass in der Peer-to-Peer-Arbeit vor allem ein langfristiger Ansatz, ausreichend Ressourcen und Zeit wichtig sind. Zudem ist eine enge Einbindung von pädagogischen Fachkräften entscheidend, um junge Menschen in ihrem Engagement unterstützend zu begleiten.

Grundsätze in der politischen Bildungsarbeit mit Heranwachsenden

Grundsätzlich ist es in der politischen Bildungsarbeit wichtig, sich an den Grundlagen im Bereich der politischen Bildung zu orientieren. Dazu gehören insbesondere die Frankfurter Erklärung , sowie der Beutelsbacher Konsens mit seinen Grundsätzen des Überwältigungsverbots und des Kontroversitätsgebots. Das Überwältigungsverbot besagt, dass Lehrende Schüler:innen ihre Meinung nicht aufzwingen dürfen und betont, dass Schüler:innen die Möglichkeit haben müssen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das Kontroversitätsgebot schließt an das Überwältigungsverbot an und besagt, dass ein Thema differenziert und kontrovers beleuchtet werden muss.

Geht es darum als pädagogische Fachkraft Jugendliche für Ideologien der Ungleichwertigkeit zu sensibilisieren und mit ihnen über menschenverachtende Weltbilder zu sprechen, ist es natürlich wichtig, selbst zu wissen, was eine Ideologie ist und sich über die eigene Haltung bewusst zu sein sowie diese stets zu reflektieren. „In unserer praktischen Arbeit orientieren wir uns stark am Ansatz einer hinterfragend-anerkennenden Haltung, bei dem es darum geht, als Pädagog:in eine zugewandte und gleichzeitig eine klare, hinterfragende Haltung zu einzunehmen“, erläutert Fidel Bartholdy. Im Kern bedeutet das, bei problematischen Aussagen gezielt nachzufragen und mit dem Ausdruck einer klaren Haltung zu irritieren, ohne eine Person nur auf das zu reduzieren, was sie sagt. Entscheidend ist hier die Annahme, dass die Phase der Jugend eine Zeit der Suche des eigenen Ichs ist, zu der es dazugehört, sich auszuprobieren, zu erkunden und abzugrenzen. Es kann also sein, dass eine radikale Meinung für eine Zeit eingenommen wird, was aber nicht heißt, dass automatisch ein geschlossenes Weltbild entwickelt ist. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine pädagogische Fachkraft in ihrer Arbeit mit Jugendlichen ansprechbar und aufmerksam sein sowie sich den Heranwachsenden zuwenden sollte.“

Sich selbst als Pädagog:in weiterbilden

Unerlässlich für die Arbeit mit Heranwachsenden ist auch die eigene Fort- und Weiterbildung. Das ist gerade im Kontext mit Sozialen Medien wichtig, da diese das „Hauptspielfeld“ für Radikalisierungsangebote sind. Wer sich mit medialer Radikalisierung befasst, sollte also auch verstehen, wie Instagram, YouTube oder Twitter funktionieren und sich mit der Bedeutung Sozialer Plattform für junge Menschen auseinandersetzen. Zentral ist es zudem, sich vorurteilsfrei auf digitale Lebenswelten Jugendlicher einzulassen bzw. diesen offen zu begegnen.

Darüber hinaus ist es auch ratsam, sich mit der eigenen Haltung auseinanderzusetzen und Reflektionsprozesse zuzulassen. Raum dafür geben ebenfalls Fortbildungsangebote. „In unseren Fortbildungen geht es dann auch darum, pädagogische Perspektiven und Handlungsoptionen zu entwickeln - zum Beispiel beim Umgang mit rechtsextremen Aussagen -, die für den Arbeitsalltag hilfreich und unterstützend sein können“, sagt Fidel Bartholdy.

Mehr Informationen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bettina Goerdeler, Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien"
Quelle: Fidel Bartholdy, Projektmanager im Projekt "AntiAnti"

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