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Initiativ- und Servivebüro Gutes Aufwachsen mit Medien

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Veröffentlicht am: 27.05.21

Digitale Medien in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit - Wie der Verein Gangway junge Menschen mit digitalen Angeboten unterstützt

Wie können digitale Medien in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit eingesetzt werden? Wie kann eine Beziehungsarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mithilfe digitaler Methoden aussehen? Der Verein Gangway aus Berlin führt Streetwork (Straßensozialarbeit) durch und richtet sich an Menschen, die Unterstützung brauchen, um selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu leben. Dabei bietet Gangway auch digitale Angebote an, damit Jugendliche und junge Erwachsene gesellschaftlich teilhaben können.

Über Gangway und digitale Möglichkeiten im Bereich der Streetwork sprachen wir mit dem Sozialpädagogen Tilmann Pritzens, der 15 Jahre Erfahrung als Streetworker hat und jetzt als Fachberater bei Gangway arbeitet.

Welche Potenziale und Chancen bieten digitale Medien in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit?

Die Potenziale, die digitale Medien in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit bieten, sind sehr hoch, wenn man davon ausgeht, das Streetwork ein Arbeitsfeld ist, in dem man direkt in die Lebenswelt Jugendlicher geht.

2007 haben wir bei Gangway erkannt, dass Onlinenetzwerke bei jungen Menschen verstärkt genutzt werden und dass es wichtig ist, die Plattformen als Streetworkteam auch selbst zu nutzen und in die Arbeit mit Jugendlichen zu integrieren. Damit zeigen wir: Wir sind hier auch präsent und ansprechbar. Ratsam ist es, insbesondere in Sozialen Medien, die eigene Arbeit transparent und verständlich darzustellen, sodass Jugendliche wissen, wer wir sind und was wir machen.

Geht es darum, die Interessen Jugendlicher zu unterstützen, ist die Nutzung von Social-Media-Kanälen ebenfalls ein gutes Mittel: Ich denke zum Beispiel daran, wenn es um den Erhalt eines Trefforts Jugendlicher geht, der erheblich zum sozialen Miteinander beiträgt. Dann ist es eine gute Möglichkeit, über die Kanäle des Vereins im Netz auf das Thema aufmerksam zu machen. So kann ein für junge Menschen wichtiges Anliegen auch online an politische Entscheidungsträger:innen kommuniziert werden und weitere Unterstützer:innen finden. Wir merken, dass diese Unterstützung wichtig ist und Jugendliche wahrnehmen, dass wir ihre Anliegen und Bedürfnisse ernst nehmen und sie ermutigen, gesellschaftlich teilzuhaben. Natürlich ist die Nutzung Sozialer Netzwerke kein Ersatz für die Arbeit auf der Straße, das würde für die aufsuchende Jugendsozialarbeit alleine gar nicht funktionieren, aber sie ist eine sehr gute Ergänzung zur Arbeit vor Ort.

Wie kann eine gute Beziehungsarbeit zwischen pädagogischen Fachkräften und Jugendlichen mit digitalen Methoden aussehen?

Die Basis für eine gute Beziehungsarbeit bietet ein vertrauensvolles Verhältnis - das ist der Ausgangspunkt für die Arbeit mit Jugendlichen. Um junge Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen, ist es wichtig, auch selbst als pädagogische Fachkraft auf Sozialen Netzwerken präsent zu sein und diese aktiv zu nutzen. So bekommen Jugendliche mit, dass Streetworker:innen nicht nur in Persona auf der Straße zu finden sind. Das bedeutet nicht, dass ein:e Streetworker:in jeden Tag einen Großteil ihrer:seiner Arbeitszeit am Smartphone arbeiten muss, um beispielsweise Stories auf Instagram zu erstellen. Aber grundsätzlich ist es sinnvoll, sich auch die Zeit zu nehmen, um Beiträge in Sozialen Medien zu erstellen und entsprechend zu teilen.

Bei Gangway ist die digitale Arbeit auch ganz klar Arbeitszeit, das ist nicht bei jedem Träger selbstverständlich. Dabei ist die Integration digitaler Medien als Werkzeug in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit wichtig, weil sie Teil der Jugendkultur sind. Natürlich muss sich jede pädagogische Fachkraft auch mit Themen wie Datenschutz, Persönlichkeitsrechten, usw. auseinandersetzen und wissen, wo Grenzen liegen. Geht es zum Beispiel darum, ein Foto einer gemeinsamen Aktion mit Jugendlichen zu posten, ist es Voraussetzung, dass ich als Fachkraft vorher frage, ob das in Ordnung ist und in einen Austausch mit den beteiligten Personen gehe.
Grundsätzlich sinnvoll ist die Erstellung von Guidelines für die Arbeit mit digitalen Tools durch die Träger bzw. Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe selbst, sodass die Mitarbeitenden eine Grundlage haben, an der sie sich orientieren können.

Wie unterstützt Gangway junge Menschen dabei, sie mit digitalen Angeboten in ihrer Selbstverantwortung zu stärken und Selbstorganisation zu fördern?

Wir haben ein sehr breites Portfolio. Anreize für Projekte geben die Jugendlichen selbst, die viele tolle Ideen haben. Gerade jetzt während der Pandemie haben wir bei Gangway kreative Angebote entwickelt, um mit jungen Menschen in Kontakt zu bleiben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Einiges dieser Angebote ist auch nicht öffentlich sichtbar, wenn wir zum Beispiel Nachhilfe über digitale Plattformen anbieten, um Jugendliche beim Erreichen ihres Schulabschlusses zu unterstützen.

Zudem bieten unsere Teams auch regelmäßig Online-Sprechstunden an und wir haben eine bezirksübergreifende Beratungshotline „GangwayOnline“ eingerichtet, über die uns Hilfesuchende auch außerhalb gängiger Bürozeiten via WhatsApp, Telegram, Instagram oder Facebook erreichen. Hierzu bekommen wir positive Rückmeldungen und merken, dass dieses Angebot gut angenommen wird. Ich selbst habe in der Vergangenheit auch die Erfahrung gemacht, dass es viele Jugendliche gibt, die auch abends oder nachts Beratung brauchen, weil sie da meist zur Ruhe bzw. ins Nachdenken kommen. Daher ist es wichtig, dass es dann auch Anlaufstellen gibt, an die sich Jugendliche mit ihren Fragen, Sorgen und Problemen wenden können. Zu ungewöhnlichen Zeiten zu arbeiten ist natürlich nur möglich, wenn der Träger das auch unterstützt.

Ein anderes Projekt, das wir während der Corona-Pandemie entwickelt haben, ist „Stimmen aus dem Off“. Wir haben Jugendliche, die wir begleiten, gefragt, welche Gedanken sie haben, wie sie durch den Alltag und wie mit der gesamten Situation zurechtkommen. Auf Spaziergängen haben wir O-Töne aufgezeichnet, die wir dann anschließend in kleinen Videos auf Instagram veröffentlicht haben. Hierfür konnten sich die Jugendlichen sogenannte „Memojies“ aussuchen, digitale Avatare, die das Gesprochene mit entsprechenden Lippenbewegungen wiedergeben. Sie konnten dadurch anonym bleiben und gleichzeitig ihre Meinung und Ansicht öffentlich mitteilen. So wollten wir die gesellschaftliche und digitale Teilhabe Jugendlicher stärken und ihren Stimmen Gehör verschaffen.

Kreativ sein und gleichzeitig gute Stimmung verbreiten gelingt auch mit der im Team Marzahn entwickelten Aktion „#heuteschon….. Ein- bis zweimal pro Woche werden selbst erdachte Botschaften mit einem Lasercutter in Sperrholzplatten gelasert, die dann als Sprüh-Schablonen dienen. Mittels Sprühkreide können so einfache, klare und positive Botschaften auf Straßen und Wände ausgebracht werden, die kleine zwischenmenschliche Momente schaffen. Darunter sind dann beispielsweise Botschaften wie #heuteschon gelacht? oder #heuteschon Oma angerufen?. So kommen die Kolleg:innen mit Jugendlichen und Passant:innen im Kiez ins Gespräch. Und auch durch die Online-Verbreitung des Hashtags und der damit verknüpften Botschaften wird auf die Aktion aufmerksam gemacht.

Teil der Jugendkultur ist auch das Thema Gaming, mit dem sich besonders unser Team „Fanprojekt Streetwork Alte Försterei“ auseinandersetzt. Das Fanprojekt richtet sich an junge Fußballfans des 1. FC Union Berlin, indem es gemeinsam Projekte und Veranstaltungen plant und durchführt, auf Fußballspiele begleitet und darüber hinaus auch zu anderen Lebenslagen berät und Hilfe gibt. Da Spielbesuche in Stadien derzeit nicht erlaubt sind, nutzen viele Jugendliche die Möglichkeit, online selbst Fifa-Turniere zu spielen, zu denen auch Fachkräfte von Gangway eingeladen werden. Hier haben wir gemerkt, dass ein niedrigschwelliger Zugang - das gemeinsame Zocken - gut ist, um sich ungezwungen auszutauschen und einen Raum zu haben, in dem auch Bedürfnisse und Sorgen angesprochen werden können. Highlight war ein großes Online-Turnier, das wir gemeinsam mit Jugendlichen organisiert haben und das bundesweit stattfand. Neben dem gemeinsamen Erlebnis, konnten wir so ein Format entwickeln, welches wir auch zukünftig in unsere Arbeit integrieren werden.

Wie können Mitarbeitende in Einrichtungen der aufsuchenden Jugendsozialarbeit unterstützt werden, um selbst am „Puls der Zeit“ zu sein, was (digitale) Jugendkulturen angeht?

Wenn man als pädagogische Fachkraft im Bereich der Streetwork arbeitet, sollte ein grundsätzliches Interesse an dem, was Jugendliche beschäftigt, Voraussetzung sein. Und wenn man merkt, dass man mit Social-Media noch nicht so viele Berührungspunkte hatte, gibt es auch die Möglichkeit, auf junge Menschen zuzugehen und sich erklären zu lassen, was sie im Netz machen und was sie dort interessiert. Das gibt einen guten Anlass um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Bei Gangway ist es mittlerweile Standard, dass in jedem Team zumindest ein:e Kolleg:in dabei ist, die:der mit Social-Media umgehen kann. Das bedeutet nicht, dass alle Teams gleichen Umgang pflegen: Es gibt welche, die sehr Social-Media-affin sind und zum Beispiel jeden Tag eine Story auf Instagram posten, während andere Teams Social-Media-Accounts nicht täglich nutzen.

Natürlich sollte keine:r gezwungen werden Soziale Medien zu nutzen; aber auch zunächst skeptisch eingestellte Kolleg:innen haben erkannt, dass die Kommunikation zu großen Teilen digital verläuft. Daher ist es sinnvoll, die Plattformen zu nutzen, auf denen Jugendliche anzutreffen sind, weil es zusätzlich hilft, zu erfahren, welche Bedürfnisse, Sorgen und Probleme vorhanden sind.

 

Mehr Informationen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bettina Goerdeler, Initiativbüro
Quelle: Tilmann Pritzens, Sozialpädagoge bei Gangway e.V.

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