Medienerziehung

  • Interview

Jung und queer: Wie das Projekt KUNTERGRAU Teilhabe ermöglicht

Eine Gruppe von Menschen, die nebeneinander stehen und nach vorne schauen.

Liebe, Sex, Beziehungsstress, Freundschaft, Community und queerfeindliche Gewalt: Darum geht es in der nicht-kommerziellen Webserie KUNTERGRAU, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen des LSBTIQ*- (lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter*, queer) Jugendzentrums anyway e. V. in Köln umgesetzt wurde, für den Grimme-Preis nominiert war und mit dem Dieter Baacke Preis sowie dem Webvideopreis ausgezeichnet wurde. Erzählt wird in insgesamt drei Staffeln aus dem Leben fünf junger schwuler Menschen, über das, was sie persönlich bewegt und beschäftigt. Über die Serie sprachen wir mit dem Medienpädagogen Falk Steinborn, der das Projekt KUNTERGRAU medienpädagogisch begleitet hat und im Bereich Jugendmedienarbeit im anyway tätig ist.

Wie junge queere Menschen mit und durch Medien teilhaben können – Das Projekt KUNTERGRAU

Schon vor der Entstehung der Serie KUNTERGRAU im Jahr 2014 wurde im Jugendzentrum anyway Medienarbeit durchgeführt, insbesondere wurden Aufklärungsclips zu Safer Sex und HIV sowie die Webserie „Julian – junge Liebe anders“, bei der das Coming-out eines Jugendlichen im Fokus steht, erstellt. „Mit KUNTERGRAU ist dann ein Projekt entstanden, in dem die mitwirkenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Thema Coming-out bewusst nicht in den Vordergrund rücken wollten. Vielmehr geht es in der Serie darum, queere Perspektiven und Lebensrealitäten zu zeigen und aus ihrem Alltag zu erzählen“, hebt Falk Steinborn hervor.

Die Partizipation junger Menschen wird im gesamten Prozess der Serie großgeschrieben: So waren Jugendliche und junge Erwachsene von Anfang an am Entstehungsprozess beteiligt, entwickelten Ideen und Konzepte, überlegten sich Handlungsstränge und Charaktere, schrieben das Drehbuch und führten Regie. „Ich fand es beeindruckend, wie begeisterungsfähig und professionell hier die jungen Ehrenamtlichen dabei waren und wie viel Zeit sowie Herzblut sie in das Projekt investiert haben. Uns war es sehr wichtig, dass junge Menschen einen Raum haben, in dem sie ihre Geschichten und Sichtweisen erzählen können. Die medienpädagogische Begleitung von KUNTERGRAU war daher bewusst so angelegt, dass wir einen Rahmen schaffen, der es ermöglicht offen über Themen wie queere Liebe, Sexualität und offene Beziehungsformen zu sprechen. Ich selbst habe meine Aufgabe so verstanden, moderierend und begleitend bei Fragen und Konflikten im Produktionsprozess als Ansprechpartner zur Seite zu stehen und den Teamprozess im Gesamten zu steuern“, schildert Falk Steinborn.

Sexuelle Vielfalt und sexuelle Orientierung als Themen in der medienpädagogischen Arbeit

Falk Steinborn sieht in einer diversitäts- und inklusiven Ausrichtung medienpädagogischer Arbeit einen wesentlichen Grundstein, junge Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt zur ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Dazu zählt auch, dass es Angebote gibt, die insbesondere queere Heranwachsende adressieren. „Neben allgemeinen Zielen der klassischen Jugendarbeit, in der junge Menschen die Möglichkeit haben sollten, sich auszuprobieren, ihre Grenzen auszutesten, zu entdecken, zu handeln und zu partizipieren, ist es in der queeren Jugendarbeit zusätzlich besonders wichtig, Schutzräume für queere Jugendliche zu schaffen, die Austausch und Teilhabe ermöglichen. Die spannende und auch herausfordernde Aufgabe dabei ist, diese Räume so zu gestalten, dass junge Menschen sie auch interessant finden. Wir haben bei anyway die Erfahrung gemacht, dass es neben Angeboten wie dem Jugendcafé – ein zentraler Ort des Ankommens und des Austausches für queere Jugendliche und junge Erwachsene – auch mediale Formate beziehungsweise Projekte braucht, um junge Menschen zu erreichen, um sie in ihrer Lebenswelt abzuholen und ihnen einen offenen und geschützten Ort zu bieten, um die eigene Identität zu erkunden.“

Auch der Aspekt der Sichtbarkeit spielt in der queeren Medienarbeit eine relevante Rolle. „Ich finde es sehr wichtig, auch sichtbar nach außen zu zeigen, dass queere Lebensrealitäten die gleiche Daseinsberechtigung wie andere haben. 2014, als das Projekt KUNTERGRAU begann, hat uns ein junger Mann aus Litauen in Köln besucht, weil er über die Serie „Julian – junge liebe anders“ auf das anyway aufmerksam geworden ist und andere junge Schwule kennenlernen wollte, weil er dachte, dass es keine in Litauen gäbe. Schließlich hat er mit unserer Hilfe festgestellt, dass es auch eine queere Community bei ihm vor Ort gab, in der er mitwirken konnte. Diese Geschichte hat uns gezeigt, dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die das junge Filmteam mit ihren Perspektiven und Themen erreicht“, erläutert Falk Steinborn.

Was für die Umsetzung diversitätsbewusster Medienprojekte außerhalb der LSBTIQ*-Jugendarbeit wichtig ist

Grundlage und Voraussetzung für die Durchführung jeglicher medienpädagogischen Projektarbeit mit jungen Menschen ist eine gute Beziehung zwischen pädagogischen Fachkräften und Heranwachsenden. Zudem kommt es als pädagogische Fachkraft darauf an, eine eigene Haltung zu Themen zu haben beziehungsweise zu entwickeln. „Im Hinblick auf diversitätsbewusste Jugend(-medien)arbeit bedeutet das eine offene Einstellung von Pädagog*innen und Bildungseinrichtungen für das Thema LGBTQI* zu haben. Das kann zum Beispiel durch kleine Symbole wie einem Sticker an der Eingangstür oder einer Regenbogenfahne am Gebäude nach außen symbolisiert werden“, sagt Falk Steinborn.

Außerdem hebt der Medienpädagoge hervor, dass die Ermöglichung von Teilhabe von großer Bedeutung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist. Das heißt, junge Menschen aktiv in den Projektprozess einzubeziehen, sie zu fragen, was sie interessiert und was sie gerne erarbeiten beziehungsweise umsetzen möchten. „Im Kontext von Medienprojekten im klassischen Jugendzentrum könnte eine pädagogische Fachkraft zum Beispiel Impulse geben, um Geschichten zu hinterfragen und vielleicht auch neu zu denken. Nicht jede Geschichte muss dem Narrativ von Frau und Mann folgen. Mir geht es hier vor allem darum, zum Reflektieren anzuregen und zu fragen: Warum will ich diese Geschichte so erzählen?“

Wichtig ist auch, nicht in „Schubladen“ zu denken und junge Menschen Rollen oder Positionen zuzuschreiben, weil sie etwas Bestimmtes geäußert haben. „Wenn queere Jugendliche in einem eher heternormativen Setting queeren Themen in ein Medienprojekt einfließen lassen wollen, impliziert das nicht automatisch, dass sie über alle queeren Themen Bescheid wissen müssen oder auch queere Rollen selbst spielen wollen.“

Zudem kommt es als pädagogische Fachkraft darauf an, sich im Hinblick auf das Thema LGBTQI* weiterzubilden, sich fachlich beraten zu lassen und sich auch durch Informationen im Internet selbst zu informieren, um Medienprojekte mit Fokus auf queere Themen durchführen zu können. „Wir haben zu unserem Projekt KUNTERGRAU auch schon die Rückmeldung bekommen, dass es als Bildungsmaterial im schulischen oder außerschulischen Kontext eingesetzt wurde. Darüber freuen wir uns sehr und unterstützen es, dass so Menschen für die Themen Identität und Queersein sensibilisiert werden können“, sagt Falk Steinborn.

 

Mehr Informationen:

  • Die Serie Kuntergrau ist auf Deutsch und mit Untertiteln in über zwölf Sprachen verfügbar.
  • Hilfe bei Coming-out und Co. bietet anonym das Peer-to-Peer-Beratungsprojekt „Coming out und so…“ an. Per datenschutzsicherer App kann jede*r Jugendliche*r Beratung von ausgebildeten jungen Ehrenamtlichen erhalten.
  • Hilfe bei Stress und Sorgen im Netz, zum Beispiel auch bei Hass und Hetze gegen queere Personen, erhalten junge Menschen bei JUUUPORT. Bei der bundesweiten Online-Beratungsplattform beraten Jugendliche und junge Erwachsene Gleichaltrige.