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Studie: Welche Challenges verbreiten sich auf TikTok und wie nehmen Kinder und Jugendliche sie wahr?

Ein aufgeklappter Laptopbildschirm, auf dem eine Grafik zu sehen ist.

Gerade auf der Plattform TikTok sind Challenges (Englisch = Herausforderungen), sogenannte Mutproben, bei jungen Menschen beliebt. Doch neben witzigen Challenges, wie zum Beispiel Fitnessübungen oder Geschicklichkeitsspielen, gibt es auch solche, die zu einem riskanten Verhalten motivieren und bei denen zumeist unbewusst die eigene Gesundheit und im Extremfall das eigene Leben gefährdet wird. Eine neue Studieder Landesanstalt für Medien NRW untersucht, welche Bedeutung und welchen Einfluss Challenges in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen einnehmen. Zudem wird die Rolle von Lehrkräften, Eltern, Medien und digitaler Plattformbetreiber in den Blick genommen.

Dazu wurden zunächst mittels quantitativer Inhaltsanalyse Challenges-Videos auf TikTok untersucht, um herauszufinden, welche Arten von Challenges auf TikTok häufig vorkommen. In einem zweiten Schritt wurden insgesamt 755 junge Menschen im Alter von zehn bis 16 Jahren mittels Online-Erhebung befragt.

Arten von Challenges und ihre Reichweite

TikTok-Challenges umfassen eine festgelegte Aktivität, welche in Form von Videos aufgenommen und anschließend in den Sozialen Medien geteilt wird. Durch einschlägige Hashtags, visuelle Elemente – wie zum Beispiel bestimmte Requisiten – oder auditive Elemente – wie ein bestimmtes Lied -, können die Videos schnell online gefunden und verbreitet werden.

Die in der Studie untersuchten Challenges wurden anhand ihres Zwecks und ihres Risikopotenzials in den Blick genommen. Dementsprechend wurden die Challenge-Videos auf einer Skala von positiv über neutral bis negativ eingeordnet. Positive Challenges, wie Gemeinschafts- oder persönlichkeitsfördernde Aktivitäten, verfolgen eine gute Absicht. Dazu zählt zum Beispiel das Sammeln von Geldern für einen gemeinnützigen Zweck. Negative Challenges umfassen Aktivitäten, wodurch körperliche oder gesundheitliche Schäden entstehen können. In der Mitte zwischen positiven und negativen Challenges sind die neutralen Challenges verortet, die grundsätzlich als harmlos zu bewerten sind. Dazu zählen zum Beispiel Sing- oder Tanz-Challenges sowie geschicklichkeitsbasierte Mutproben.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass mehrheitlich Erwachsene und junge Erwachsene Challenge-Videos absolvieren und auf TikTok teilen. Jugendliche und Kinder scheinen bei der Produktion eine untergeordnete Rolle zu spielen. 65% der untersuchten Challenges sind als neutral eingestuft worden. Daran schließen sich mit 30% negative Challenges an, welche körperlich und mentale Schäden zur Folge haben können. Den kleinsten Anteil mit 5% haben positive Videos. Jedoch haben diese die höchste Reichweite, gefolgt von neutralen Videos. Negative Challenges haben die geringste Reichweite.

Die Studie untersucht zudem kritische Inhalte, welche für junge Nutzer*innen entwicklungsbeeinträchtigend sein können. In 15% der untersuchten Challenge-Videos finden sich Formen von Schmerzdarstellungen, wie beispielsweise angeschlagene Ellenbogen durch Stolpern und Stürzen, die beim Nachahmen von Challenges entstanden sind. Zudem lassen sich Videos mit ekelerregenden Inhalten (8%) finden. Selten, in weniger als 1 pro 100 Videos, enthalten Videos diskriminierende Inhalte, Darstellungen von illegalen Aktivitäten und pornografisches Material. Dies kann damit erklärt werden, dass TikTok gefährlichen und problematischen Challenges wenig Raum bietet. Diese werden von der Plattform schnell entfernt oder blockiert. Gleichzeitig werden die dazugehörigen Suchbegriffe und Hashtags reguliert und gesperrt.

Nutzungsverhalten auf TikTok

Die Ergebnisse zeigen, dass TikTok unter den Befragten eine sehr verbreitete Plattform ist und etwa von 70% täglich genutzt wird. 80% der Kinder und Jugendlichen haben einen eigenen Account auf der Plattform, während 15% den Account eines Erwachsenen nutzen.

Die Mehrheit nutzt die Plattform passiv. Sie schaut sich Videos anderer Nutzer*innen an, teilt und likt diese. Eine aktive Nutzung durch das Erstellen und Teilen von eigenen Videos spielt nur für 40% der Befragten eine Rolle.

75% der Befragten schauen sich Comedy- oder Prank-Videos auf TikTok an. Allgemein erscheinen die beliebtesten Videos eher ungefährlich und harmlos. Jedoch sind bereits über der Hälfte der Befragten Videos begegnet, welche Unwohlsein bei ihnen ausgelöst haben. Rund ein Viertel hat angegeben, dass ihnen solche Videos mehrmals pro Woche angezeigt werden. Die Videos lösen vor allem Ekel und Gruselgefühle bei den Befragten aus. Jedoch haben auch über 50% angegeben, dass auch Videos dazu zählen, in denen andere absichtlich verletzt werden oder sich selbst verletzten.

Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten

Die Mehrheit der jungen Erwachsenen sucht zuerst das Gespräch mit ihren Eltern, wenn sie auf Inhalte gestoßen ist, welche bei ihr ein ungutes Gefühl auslöst. Andere wichtige Vertrauenspersonen sind Freund*innen und andere vertraute Erwachsene. Die Befragten äußerten zudem den Wunsch, sich verstärkt in der Schule mit den Auswirkungen von Online-Challenges auseinanderzusetzen.

Damit junge Nutzer*innen weniger mit problematischen Inhalten auf TikTok konfrontiert werden, empfiehlt die Studie unter anderem:

  • einen besseren Schutz für junge Nutzendedurch eine Kontrolle des Mindestalters durch die Plattform,
  • eine gute Begleitung von Kindern und Jugendlichen in ihrer Mediennutzung durch Erziehungsberichtige und Lehrkräfte, die mit Interesse und Neugier jugendlichen Lebenswelten begegnen und durch Fort- und Weiterbildungen in der Lage sind, über aktuelle Trends und Challenges aufzuklären,
  • eine unabhängige Meldestelle, bei der Kinder und Jugendliche problematische Online-Inhalte melden können.