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Vielfalt leben – Wie junge Menschen ihre Perspektiven auf (Geschlechter-)Identitäten einbringen können

Startseite der Webseite meinTestgelände

„Na, wird es ein Mädchen oder ein Junge?“ Diese Frage bekommen werdende Eltern oft gestellt. Noch immer sind viele von uns in ihrem Denken und Handeln von stereotypen Vorstellungen zu Rollen- und Geschlechterbildern geprägt. In unserer Gesellschaft wird überwiegend davon ausgegangen, dass Geschlecht ein binäres (zweiteiliges) System ist und es nur zwei Geschlechter -weiblich und männlich - gibt. Dabei gibt es auch Menschen, die sich nicht dem Geschlecht zugehörig fühlen, welches ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde, Menschen, bei denen das von außen zugeschriebene Geschlecht nicht eindeutig ist oder Menschen, die zwischen verschiedenen Geschlechtern leben. Geschlechtliche Identitäten, also das Geschlecht, dem sich ein Mensch zugehörig fühlt, sind sehr vielfältig und können sich im Laufe des Lebens auch verändern. Insbesondere im Prozess der eigenen Identitätsfindung beschäftigen sich Heranwachsende verstärkt mit der Frage wer sie sind und wie sie sein möchten. Dazu gehört auch die Frage der eigenen geschlechtlichen Identität. Antworten auf Fragen und ein Raum zum Ausprobieren und Erkunden finden viele im Internet, vor allem in Sozialen Medien und anderen Plattformen. Das Gendermagazin „meinTestgelände“ ist eine Plattform von jungen Menschen für junge Menschen rund um Themen zu Geschlechtervielfalt, Geschlechterrollen, queerem Leben und der eigenen sexuellen Identität. Über das Projekt sprachen wir mit dem Medienpädagogen Robert Lejeune, der dort als Online-Redakteur tätig ist.

meinTestgelände – das Gendermagazin von jungen Menschen für junge Menschen

Die Teilhabe junger Menschen steht beim Gendermagazin „meinTestgelände“ im Vordergrund: „Wir möchten mit dem Projekt einen geschützten Raum schaffen, in dem Jugendliche und junge Erwachsene ihre persönlichen und individuellen Sichtweisen, Meinungen und Erfahrungen rund um die Themen Gender, eigenes Ich, sexuelle Orientierung und queeren Alltag selbstbestimmt mitteilen und sich offen austauschen können. Jede*r, die*der Lust hat, mitzumachen, kann sich bei uns engagieren“, sagt Robert Lejeune. In der Wahl eines konkreten Themas und dem Verfassen eines Beitrags – ob Text, Video, Song oder Podcast – sind die jungen Autor*innen grundsätzlich frei. „Wichtig ist uns natürlich, dass die Beiträge Vielfalt beziehungsweise vielfältige Lebensrealitäten als Ressource wertschätzen und sichtbar machen und nicht diskriminierend, wie zum Beispiel rassistisch oder sexistisch, verfasst sind.“

Um Leser*innen regelmäßig zu erreichen erscheinen auf der Webseite von „meinTestgelände“ und auf den dazugehörigen Social-Media-Konten zwei- bis dreimal die Woche neue Beiträge der Autor*innen. „Hier sehen wir auch eine Herausforderung, nämlich Neugier für unsere Beiträge zu wecken. Natürlich ist es schön, wenn wir merken, dass Personen unsere Beiträge spannend finden und sich unsere Leser*innenschaft erweitert. Unser Anspruch ist es grundsätzlich aber nicht, unsere Reichweite primär zu erweitern, sondern eine Plattform mit unserem Angebot zu schaffen, die Orientierung zu Fragen und Herausforderungen rund um (Geschlechter-)Identität gibt und Sichtweisen authentisch wiedergibt“, betont Robert Lejeune. Rückmeldung zu den Beiträgen bekommen die Autor*innen auch über die Möglichkeit, Kommentare auf der Webseite und auf Social-Media zu hinterlassen. „Hier ist es natürlich bestärkend, wenn junge Menschen positive Resonanz im Hinblick auf ihre Beiträge erfahren. Leider haben wir auch schon die Erfahrung mit Hassbotschaften gemacht. Hier versuchen wir dann die bei uns aktiven jungen Menschen so zu befähigen, dass sie wissen, wie sie darauf reagieren beziehungsweise welche Strategien, wie zum Beispiel Gegenrede, sie anwenden können.“

Onlineräume auf der Suche nach dem eigenen Ich nutzen

Robert Lejeune sieht in der Möglichkeit, sich im Netz mit dem eigenen Ich im Hinblick auf sexuelle Orientierung und Identität zu beschäftigen, als etwas Positives an. „Ich kann mich informieren, mich mit anderen austauschen und ausprobieren – zum Beispiel auch anonym, sodass ich mit meinem Gesicht und Namen nicht öffentlich zeigen muss. Insbesondere orientierende und bestärkende Angebote im Internet können dabei helfen, herauszufinden, wer ich sein möchte.“ Daneben können junge Menschen aber auch mit negativen wie beispielsweise herabwürdigenden und ausgrenzenden Online-Erfahrungen konfrontiert werden. „Hier ist es wichtig, medienpädagogische Angebote zu schaffen, die Heranwachsende befähigen und sie unterstützen, entsprechende Handlungsstrategien zu entwickeln, um kompetent in digitalen Räumen handeln zu können.“

Was pädagogische Fachkräfte und Erziehende tun können

Robert Lejeune sieht Bildungsarbeit als wichtigen Grundstein in der Entwicklung einer selbstbestimmten Persönlichkeit. „Ich denke, dass pädagogische Fachkräfte an Schulen und in außerschulischen Einrichtungen dazu beitragen können, damit sich junge Menschen souverän mit der eigenen geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung auseinandersetzen und eine gefestigte Persönlichkeit entwickeln können. Dazu gehört zum Beispiel sich zunächst selbst zu informieren, Begrifflichkeiten im Kontext von Gender und Identität zu klären und sich über deren Bedeutung bewusst zu werden. Zudem können Fort- und Weiterbildungsangebote hilfreich sein, um das eigene Wissen und die eigenen Kompetenzen zu erweitern. Auch Eltern und Erziehende können junge Menschen auf ihrem Weg des Heranwachsens begleiten, in dem sie einen offenen Raum für Austausch schaffen und einen wertschätzenden Umgang miteinander fördern.“

 

Mehr Informationen:

  • Methoden und Tipps für die medienpädagogische Arbeit zu Themen rund um Gender und Identität finden pädagogische Fachkräfte auf der Webseite „Geschlechtersensible Pädagogik“, das Fachkräfteportal zum Projekt „meinTestgelände“.
  • Einen guten Überblick über verschiedene Begrifflichkeiten rund um Gender gibt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Lexikon.
  • Methoden für die medienpädagogische Praxis zum Thema Gender und Social Media gibt es auch auf der Webseite des Projektes „GenderONline“ vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis.