Im Interview: Zusammen klappt es! – Wie Kooperationen im Ganztag gelingen können
Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung rückt der Ganztag noch stärker in den Fokus von Bildungspolitik und Praxis. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten, Medienbildung als festen Bestandteil des Schulalltags zu etablieren. Welche Potenziale bietet der Ganztag für medienpädagogische Angebote? Und was braucht es, damit Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partner*innen gelingen? Darüber sprachen wir mit Alexander Karpilowski von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt. Er koordiniert die von der Medienanstalt und dem Land Sachsen-Anhalt geförderte Netzwerkstelle Medienkompetenz. Dabei ist Alexander Karpilowski auf unterschiedlichen Ebenen im Bereich der Medienbildung beratend tätig und bringt vielfältige Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Schulen, Ganztagseinrichtungen und medienpädagogischen Akteur*innen mit.
Ganztag als Lern- und Erfahrungsraum für medienpädagogische Angebote
„Der Ganztag bietet viel Potenzial für die Umsetzung medienpädagogischer Angebote. Es gibt mehr Raum und Zeit, in der AGs und Projekte umgesetzt werden können – und das losgelöst von einem Bewertungssystem mit Noten“, sagt Alexander Karpilowski. Er fügt hinzu: „Das bedeutet auch, dass sie die Möglichkeit haben, über die digitalen Erfahrungen zu sprechen, die sie in ihrem Alltag machen. Für pädagogische Fachkräfte heißt das: Schafft Gesprächsräume, hört zu und schaut, wie und wo ihr Orientierung geben könnt. Auch wenn ihr keine große Expertise für Digitales mitbringt, so ist es doch wichtig, einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen zu schaffen, um zu erfahren, was sie beschäftigt und als Ansprechpersonen präsent zu sein.“
Medienbildung im Ganztag gemeinsam gestalten
Wie Medienbildung im Ganztag umgesetzt wird, unterscheidet sich in den Bundesländern und hängt unter anderem von den jeweiligen Vorgaben ab. „Bei uns in Sachsen-Anhalt ist das Thema Medien und digitale Bildung sowohl im Bildungsprogramm als auch in den Lehrplänen verankert. Schulen und der Ganztag, der hier meistens Hort bedeutet, müssen Medienbildung entsprechend in ihr Angebot integrieren“, erläutert Alexander Karpilowski. „Wir merken allerdings in der Praxis, dass medienpädagogische Grundlagen bisher in vielen Ausbildungen pädagogischer Fachkräfte kein fester Bestandteil des Curriculums waren. Gleichzeitig nehme ich in letzter Zeit auch wahr, dass der Medienbildung zunehmend ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Ganztagseinrichtungen, in denen medienpädagogische Expertise fehlt, arbeiten verstärkt mit externen medienpädagogischen Partnern zusammen.“
Wie Kooperationen zwischen schulischen und außerschulischen Partner*innen gelingen können
Für Alexander Karpilowski ist die Grundlage für eine funktionierende Kooperation zwischen schulischen und außerschulischen Partner*innen das Vorhandensein eines gemeinsamen Verständnisses von Medienbildung: „Es sollte nicht nur darum gehen, zu wissen, wie technische Geräte bedient werden, sondern vor allem darum, Kinder und Jugendliche zu befähigen, in digitalen Räumen kompetent und selbstbestimmt zu agieren. Dafür braucht es Reflexions- und Orientierungsräume, in denen junge Menschen lernen können, kreativ und aktiv mit Medien zu arbeiten. Gerade zu Beginn, in der Entwicklungsphase eines Angebots zwischen mehreren Beteiligten ist es wesentlich, ein gemeinsames Verständnis davon zu schaffen, was Medienbildung leisten soll. Hinzu kommt eine offene und neugierige Haltung, Dinge und Wege einfach auszuprobieren sowie zu erproben was funktioniert und was nicht. Andere Faktoren, die zum Erfolg in der Zusammenarbeit beitragen können, sind genügend zeitliche Vorlaufzeit zur Planung eines Angebots und nicht selten die Bereitstellung finanzieller Ressourcen. Wesentlich ist zudem eine klare Kommunikation zwischen den beteiligten Akteurinnen und Akteuren.“
Vor Beginn einer Kooperation sollten die Beteiligten deshalb gemeinsam klären:
- Wer übernimmt welche Aufgaben und ist für diese verantwortlich?
- Wie soll das medienpädagogische Angebot gestaltet werden?
- Welche Erwartungen haben medienpädagogische Partner*innen und welche die Schule?
- Wer kann welche zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen zu Verfügung stellen?
Diese Fragen sollten frühzeitig geklärt werden. Gleichzeitig braucht es einen kontinuierlichen Austausch während der Zusammenarbeit. Für Alexander Karpilowski ist dabei ein Aspekt besonders wichtig: „Für das Gelingen eines medienpädagogischen Angebots ist ein wertschätzender, offener Umgang miteinander entscheidend.“
Unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Perspektiven
Herausfordernd kann die Zusammenarbeit werden, wenn außerschulische Akteur*innen wenig über die Strukturen und Abläufe von Schule und Ganztag wissen. Umgekehrt fehlt es zum Teil auch an Wissen über die Arbeitsweisen und Möglichkeiten medienpädagogischer Fachkräfte. So gibt es u. a. freiberufliche Medienpädagog*innen, Jugendhilfeeinrichtungen mit medienpädagogischer Ausrichtung und Institutionen wie z. B. Medienanstalten. „Wichtig ist ein gemeinsames Verständnis für die jeweiligen Strukturen, Arbeitsweisen und Perspektiven der Kooperationspartner zu entwickeln, um miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Angebote zu entwickeln“, schildert Alexander Karpilowski. „Dafür sollte man sich Zeit für Vorgespräche nehmen, sodass man Ziele und Erwartungen der Kooperation transparent kommunizieren kann. So wird für alle Beteiligten deutlich, was ein Medienbildungsangebot leisten kann und welche Anpassungen notwendig sind, um unter den vorhandenen Rahmenbedingungen medienpädagogische Ziele zu erreichen. In der Praxis haben sich dafür Checklisten und kurze Projektbeschreibungen als sehr hilfreich erwiesen. So gehen auch bei einem Personalwechsel wichtige Informationen und Absprachen – etwa zu Einverständniserklärungen, Raumbedarf, Aufsichtspflichten oder Einladungen zu einer Abschlusspräsentation – nicht verloren. Dieses Vorgehen bedeutet zwar mehr Bürokratie, ermöglicht aber ein strukturiertes Vorgehen und schafft Transparenz.“
Nachhaltige Strukturen schaffen
Eine weitere Herausforderung sieht Alexander Karpilowski in den bestehenden Förderstrukturen: „Ich nehme in meiner Arbeit immer wieder wahr, dass es zwar gute Kooperationen gibt, diese aufgrund der Förderstrukturen aber selten langfristig sind.“ Damit Medienbildung im Ganztag nachhaltig wirken kann, braucht es deshalb mehr als einzelne, zeitlich begrenzte Projekte. „Ziel sollte es sein, verlässliche Strukturen zu schaffen, in denen medienpädagogische Themen nicht nur punktuell, sondern dauerhaft in Schule und Ganztag verankert sind. Medienbildung und Medienerziehung dürfen nicht vom Zufall oder vom Engagement einzelner Personen abhängen. Dafür braucht es aus meiner Sicht eine feste Ansprechperson oder idealerweise ein medienpädagogisches Team, das das Kollegium berät, Fortbildungen initiiert, altersgerechte Angebote entwickelt und die Zusammenarbeit mit Eltern koordiniert. Auch ein lebendiges Medienbildungskonzept und eine externe medienpädagogische Prozessbegleitung können den Prozess unterstützen. Häufig fehlen jedoch die personellen und finanziellen Ressourcen, um solche Strukturen dauerhaft aufzubauen.“
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
- Der Ganztag schafft Freiräume für Medienbildung: Mehr Zeit und Raum ermöglichen unabhängig vom klassischen Bewertungssystem AGs, Projekte und lebensweltnahe Gesprächsangebote.
- Schulisches Personal hat keine/wenig Qualifikationen im Bereich Medienbildung: Medienpädagog*innen und medienpädagogische Einrichtungen sind wichtige Partner*innen, um Kenntnisse und Know-How zu bieten.
- Gute Kooperation braucht ein gemeinsames Verständnis: Schulen, Ganztagseinrichtungen und außerschulische Partner*innen sollten frühzeitig klären, was sie unter Medienbildung verstehen und welche gemeinsamen Ziele sie verfolgen.
- Klare Absprachen und Ressourcen sind entscheidend: Rollen, Verantwortlichkeiten, Erwartungen und verfügbare Ressourcen sollten ebenso geklärt werden wie ausreichend Zeit für die gemeinsame Planung.
- Medienbildung braucht nachhaltige Strukturen: Einzelne Projekte reichen nicht aus. Damit Medienbildung dauerhaft in Schule und Ganztag verankert werden kann, braucht es langfristige Kooperationen, verlässliche Förderstrukturen und ausreichende Ressourcen.