Ganztag und Schule

Medienbildung an Schulen: Wie ein Medienkonzept entsteht

Eine Glühbirne, um die Puzzleteile verteilt sind.

Digitale Medien gehören längst zum Schulalltag. Damit Kinder und Jugendliche lernen, selbstbestimmt und kompetent mit ihnen umzugehen, braucht es eine gezielte und verbindliche Medienbildung. Ein Medienbildungskonzept schafft Orientierung, bündelt Ziele und legt fest, wie digitale Medien sinnvoll in den Unterricht und das Schulleben integriert werden können. Wie ein solches Konzept in der Praxis entsteht und was bei der Umsetzung wichtig ist, schildert die Medienpädagogin Jacqueline Hain im Interview. Sie unterrichtet an den Domschulen Magdeburg, für die sie ein Medienbildungskonzept entwickelte. 

Die wichtigsten Puzzleteile eines Medienbildungskonzeptes

Möchte eine Schule digitale Medien und Methoden systematisch im Schulalltag verankern, bietet ein Medienkonzept dafür eine wichtige Grundlage. Dieses dokumentiert den aktuellen Stand der Medienkompetenzförderung und Medienausstattung an einer Schule, formuliert pädagogische Zielsetzungen, zeigt Entwicklungsperspektiven auf, legt die Fortbildung von Pädagog*innen fest und regelt die Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partner*innen. So schafft das Konzept Orientierung und verbindliche Strukturen für die Medienbildung an der Schule.

Bestandsaufnahme

Jacqueline Hain empfiehlt das Konzept in verschiedene Puzzleteile bzw. Bausteine zu gliedern. Als erstes rät sie dazu, eine Bestandsaufnahme durchzuführen. Dabei geht es darum, den aktuellen Stand zu erfassen und die Bedarfe der unterschiedlichen Zielgruppen zu ermitteln.

„Bei uns fand sich zunächst eine Arbeitsgruppe aus der Schulleitung, Pädagog*innen, IT-Beauftragten und mir, der Medienpädagogin, zusammen. Gemeinsam schauten wir, wo unsere Schulen in puncto Medienkompetenzförderung und Medienausstattung standen und welche Kompetenzen sowie welches Wissen bei den Zielgruppen schon vorhanden waren.“ 

Für den gesamten Entwicklungsprozess ist es wichtig, sich ausreichend Zeit zu nehmen, Schritt für Schritt vorzugehen und Maßnahmen auszuprobieren, anzupassen und gegebenenfalls zu verändern „Schulen, die sich auf den Weg machen, sollten nicht davon ausgehen, dass sie nach einem halben Jahr ein fertiges Konzept entwickelt haben. Bei uns hat der Prozess der Bedarfsanalyse ungefähr ein Jahr gedauert. Ratsam ist es, mit allen Zielgruppen in den Austausch zu gehen, also Lehrkräfte, Schüler*innen und Eltern nach Bedarfen und Vorstellungen zu fragen.“ 

Leitbild und pädagogische Haltung

Auf Grundlage der Bestandsaufnahme kann die Schule dann ein pädagogisches Leitbild erarbeiten. „Jede Einrichtung muss sich fragen, welche Werte und welche Haltung sie zu digitalen Medien und Medienthemen einnimmt“, sagt Jacqueline Hain. Sie führt aus: „Beim Thema Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) haben wir zum Beispiel im Zuge der Bestandsaufnahme Einstellungen zur Nutzung und zum Umgang mit KI im Kollegium erfragt. Mit den Pädagog*innen, die dem Thema eher skeptisch gegenüberstanden, sind wir in den Austausch gegangen. Zudem gab es sogenannte Mikrofortbildungen, in denen zum Beispiel KI-Anwendungen vorgestellt wurden, die sich auch im Schulkontext nutzen lassen. Dabei geht es aber nicht darum, dass jede Lehrkraft KI-Tools im Unterricht nutzen muss. Vielmehr ist es wichtig, ein gemeinsames Verständnis für aktuelle Medientrends, wie etwa die Relevanz von KI in unserer Gesellschaft, zu entwickeln und diese als Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu reflektieren.“

Ziele der Medienbildung

Sind die Bestandsaufnahme und das pädagogische Leitbild erarbeitet, lassen sich konkrete Ziele für die Umsetzung medienpädagogischer Angebote formulieren. Dazu zählen Ziele im Hinblick auf Kompetenzen, die Schüler*innen im Umgang mit Medien erwerben sollen. „Wichtig ist es die Ziele so zu formulieren, dass sie erreichbar und überprüfbar bleiben. Es nützt niemanden etwas, wenn die Ziele so ambitioniert gefasst sind, dass sie zu weit von der Schul- und Unterrichtsrealität entfernt sind“, betont Jacquline Hain.

Pädagogische Umsetzung

Im nächsten Schritt geht es darum, wie die Ziele im Schulalltag umgesetzt werden können. Einen wichtigen Rahmen bilden dabei die Lehrpläne der Bundesländer. Sie legen fest, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche in bestimmten Altersstufen erwerben sollen. „Unsere Leitlinien der Medienkompetenzvermittlung orientieren sich an den Kompetenzbereichen der von der Kultusministerkonferenz im Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ beschriebenen Kompetenzbereiche. Dazu gehören Informations-, Bewertungs-, Analyse-, Einordnungs- und Problemlösungskompetenzen, das Wissen über den Schutz persönlicher Daten sowie die Kompetenz Medien kreativ zu nutzen“, schildert Jacqueline Hain. 

Das Medienbildungskonzept sollte dabei nicht nur festlegen, was gelernt werden soll, sondern auch, wo und wie Medienbildung im Schulalltag stattfindet, beispielsweise im Fachunterricht, in Projekten oder in weiteren außerunterrichtlichen Angeboten.

Schutz, Sicherheit und Recht

Auch Themen wie Datenschutz, Urheberrecht und Jugendmedienschutz sollten im Medienbildungskonzept berücksichtigt werden. Dazu gehören beispielsweise der Umgang mit Cybermobbing und anderen Risiken der digitalen Mediennutzung. „Hier braucht es ein ganzheitliches Konzept, das alle involvierten Zielgruppen berücksichtigt. Die Themen können in einzelnen Projekten oder Unterrichtseinheiten für Schüler*innen, in Fortbildungen für Lehrkräfte und auf Informationsabenden für Eltern adressiert werden“, erläutert Jacqueline Hain. 

Ausstattung und Infrastruktur

Zudem spielen die technische Ausstattung und Infrastruktur eine wichtige Rolle. Jacqueline Hain hält eine digitale Grundausstattung für notwendig, damit Schulen Medienbildung praktisch umsetzen können. Gleichzeitig sollte die Technik nicht bestimmen, welche pädagogischen Ziele verfolgt werden: „Der Leitgedanke sollte immer der sein, dass es darum geht, digitale Geräte als Werkzeuge zu nutzen, um etwas zu lernen.“

Fortbildung und Qualifizierung

Damit Pädagog*innen Kinder und Jugendliche in einem kompetenten Umgang mit Medien unterstützen können, braucht es darüber hinaus passende Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote. „Neben Bedienkompetenzen technischer Geräte und Anwendungen, vermitteln wir auch Wissen zu Medienthemen, die dann in den Unterricht eingebunden werden können“, sagt Jacqueline Hain. Gute Erfahrungen hat die Schule mit sogenannten Mikrofortbildungen gemacht, die beispielsweise in der Hofpause stattfinden: „Sehr wichtig ist es, Fortbildungsangebote kontinuierlich anzubieten und stetig die Bedarfe abzufragen, um alle mitzunehmen. Ein Mehrwert kann dabei auch sein, externe Expert*innen einzuladen.“ 

Zusammenarbeit, Kommunikation und Verantwortlichkeiten

Entscheidend für eine ganzheitliche Medienkompetenzvermittlung sind klare Strukturen, Zuständigkeiten und eine geregelte Kommunikation zwischen den beteiligten Akteur*innen. „Maßgeblich für die Erstellung und Umsetzung eines Medienkonzeptes ist es, verantwortliche Personen zu benennen, die den Prozess über einen längeren Zeitraum begleiten sowie koordinieren“, betont Jacqueline Hain. Auch der regelmäßige Austausch mit allen Beteiligten ist wichtig. Dazu gehören neben den pädagogischen Fachkräften und externen Partner*innen auch die Eltern, die zum Beispiel über Elternabende einbezogen werden können. 

Evaluation und Weiterentwicklung

Ein Medienbildungskonzept ist kein fertiges Produkt, sondern sollte regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden. Jacqueline Hain empfiehlt das Konzept als Wegbegleiter zu verstehen, das sich im stetigen Veränderungs- bzw. Anpassungsprozess befindet. „Dafür ist es erforderlich auch mal mutig zu sein, Maßnahmen regelmäßig zu reflektieren, weiterzuentwickeln und ggf. auch zu verändern. Die Grundlage für die Evaluation sind regelmäßige Rückmeldungen von Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern.“ 

Bei der Evaluation sollten sowohl pädagogische als auch technische Aspekte betrachtet werden. Mögliche Fragen sind: Wie werden digitale Werkzeuge im Fachunterricht eingesetzt? Werden die verschiedenen Medienkompetenzbereiche altersgemäß vermittelt? Entspricht die technische Ausstattung noch den aktuellen Anforderungen?

Weitere Informationen:

  • Tipps für die Erstellung eines Medienkonzeptes gibt auch die Broschüre Leitfaden zur Medienkonzeptentwicklung für die schulische Praxis des Landesinstituts Brandenburg für Schule und Lehrkräftebildung.
  • Auch das Bundesland NRW hat einen Leitfaden für Schulen mit Tipps zur Umsetzung eines Medienkonzeptes veröffentlicht: In sieben Schritten zum schulischen Medienkonzept.
  • Das Forschungsprojekt Ganztag-digital untersuchte, wie verschiedene Lernorte und Bildungsangebote im Ganztag zusammenspielen, damit Kinder und Jugendliche Medienbildung lernen können und welche Rolle dabei ihre eigenen Erfahrungen sowie die Rahmenbedingungen von Schule und außerschulischen Angeboten spielen.