Ganztag und Schule

Medienscouts im Ganztag: Wie Peer-Learning Medienkompetenz stärkt

Personen, die nebeneinander stehen.

Peer-to-Peer-Ansätze zeigen, wie junge Menschen voneinander lernen können. Ein Beispiel dafür sind Medienscouts, die bundesweit auch unter Namen wie Medienlots*innen oder Medienpeers zu finden sind*: Sie beraten ihre Mitschüler*innen zu Fragen rund um digitale Medien und geben ihr Wissen weiter. Als Gleichaltrige bewegen sie sich häufig in ähnlichen medialen Erfahrungsräumen, kennen die entsprechenden Codes und das Vokabular und können dadurch einen besonders authentischen, niedrigschwelligen und vertrauensvollen Austausch ermöglichen. Das schafft einen Raum dafür, eigene Erfahrungen zu teilen, Fragen offen anzusprechen und voneinander zu lernen.

„Medienscout-Projekte finden sich inzwischen im Ganztag von vielen Schulen. Schaut man sich die Medienscout-Landschaft genauer an, zeigt sich aber deutlich, dass es das eine Konzept nicht gibt. Vielmehr verfolgen entsprechend engagierte Schulen eine gemeinsame Idee, die sie auf ganz unterschiedliche Weise umsetzen“, sagt die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Claudia Kuttner. Sie beschäftigt sich seit 2017 mit Peer Learning-Prozessen in Schulen, bildet Multiplikator*innen fort und berät mit ihrem Unternehmen „MEDIENSCOUT-FORUM“ bundesweit Medienscout-Initiativen.

Medienscouts – was steckt dahinter?

Um Medienscout zu werden, durchlaufen Schüler*innen meist eine Ausbildung, die im Rahmen von bundeslandspezifischen Landesprogrammen, regional von medienpädagogischen Einrichtungen oder von Schulen eigeninitiativ durchgeführt wird. Diese bereitet die Kinder und Jugendlichen darauf vor, Angebote für Mitschüler*innen, aber auch für Eltern oder Schulen im Umfeld umzusetzen. „Die konkrete Ausgestaltung der Projekte variiert dabei sehr stark“, erläutert Claudia Kuttner. „Große Unterschiede lassen sich schon allein mit Blick auf Teamgröße und Altersspektrum feststellen. Das und die jeweiligen Interessen der Medienscouts haben einen großen Einfluss auf die Themen, Aktivitäten und Formate der Angebote. Viele Medienscouts schaffen durch Sprechstunden und Workshops für ihre Mitschüler*innen zusätzliche Gelegenheiten, um das eigene Medienhandeln mal näher zu betrachten, um Anliegen aufzugreifen, die gerade beschäftigen, oder auch um Herausforderungen anzusprechen, die ihnen wahrscheinlich noch begegnen werden.“ Fake News, Cybergrooming, Mobbing im Klassenchat und KI sind beispielweise Themenfelder, die von vielen Teams bearbeitet werden. An manchen Schulen konzentrieren sich Medienscouts dagegen eher auf kreative Medienarbeit und technischen Support. „Vor allem große und erfahrene Teams haben mitunter ein erstaunliches Spektrum an Themen und Formaten im Repertoire!“

Chancen des Ganztags für die Arbeit von Medienscouts

Für Claudia Kuttner bietet der Ganztag vor allem eins: Zeit, um in Themen tiefer eintauchen zu können, Dinge auszuprobieren und ggf. für den Moment zu verwerfen. „Im Ganztag können sich Schüler*innen jahrgangsübergreifend mit digitalitätsbezogenen Themen aus ihrer Lebenswelt auseinandersetzen, ohne Notendruck und ohne festgelegtes Curriculum – das ist enorm wertvoll, um die eigenen Erfahrungen im Austausch mit anderen abzugleichen und eine Haltung zu entwickeln.“ Zudem bietet der Ganztag die Möglichkeit, auch über längere Zeiträume hinweg mit außerschulischen Partner*innen zusammenzuarbeiten. „Das zusätzliche Engagement, das einzelne Lehrpersonen neben ihren regulären Aufgaben in die Begleitung von Medienscout-Teams investieren, ist oft erheblich. Um zu entlasten und zugleich eine kontinuierliche Begleitung zu sichern, ist es wünschenswert, Schulen mit ausreichend Mitteln zur Finanzierung externer Expert*innen auszustatten. Noch besser wären fest angestellte Fachkräfte, die sich auf die medienpädagogische Arbeit an Schulen konzentrieren könnten.“ Eine große Unterstützung kann auch mit der Einbindung junger Menschen verbunden sein, die sich im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres, des Bundesfreiwilligendienstes oder studienbegleitend an Schulen engagieren möchten. „Einige Schulen konnten damit bereits gute Erfahrungen sammeln. Mit entsprechenden Vermittlungsstrukturen ließen sich diese Ansätze niederschwellig in die Breite tragen“, so Claudia Kuttner.

Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kommunen

Schulen, die ein eigenes Medienscout-Projekt ins Leben rufen möchten, rät Claudia Kuttner, sich zunächst an die Koordinator*innen des jeweiligen Bundeslandes zu wenden – eine Übersicht stellt sie mit dem MEDIENSCOUT-FORUM bereit. „In allen Bundesländern gibt es mindestens eine Anlaufstelle, die zum einen Fragen zu regionalen Medienscout-Angeboten, Förderprogrammen und Materialien beantworten kann und zum anderen oft auch die Ausbildung von Medienscouts bzw. von Fachkräften als Multiplikator*innen koordiniert. Viele dieser Stellen pflegen zudem ein Netzwerk kommunaler Partner*innen, die Schulen in den unterschiedlichen Phasen der Projektarbeit begleiten können – zum Beispiel durch zusätzliche Fortbildungen zu medienpädagogischen Schwerpunkten, Moderationstrainings, Anregungen für Teambuilding-Prozesse oder auch durch eine Mitwirkung an der Formulierung eines individuell stimmigen Medienscout-Konzepts.“ Diese Unterstützungsangebote zu kennen und zu nutzen, kann für Schulen weit über den Medienscout-Kontext hinaus gewinnbringend sein: „Medienscout-Projekte sind idealerweise Teil eines vielfältigen schulischen Medienbildungsangebots und werden im besten Fall von multiprofessionellen Teams getragen“, so Claudia Kuttner. „Schulexterne kommunale Partner*innen können dabei unterstützen, unterrichtliche und außerunterrichtliche Angebote konzeptionell und praktisch miteinander zu verknüpfen und somit Impulse liefern, die helfen, Medienbildung als Gemeinschaftsprojekt aller an Schule Beteiligter zu stärken. Das geht besonders gut, wenn Kooperationen langfristig und verbindlich angelegt sind. Auf dieser Basis lässt sich eine wirkliche Zusammenarbeit kultivieren, bei der man sich gegenseitig kennenlernen, gemeinsame Ziele aushandeln und die verschiedenen Routinen und Logiken aufeinander abstimmen kann – etwa mit Blick auf Verantwortlichkeiten, Entscheidungswege, technische Infrastruktur und zeitliche Abläufe.“

Partizipation wirklich leben

Damit Medienscout-Projekte tatsächlich partizipativ sind, braucht es entsprechende Strukturen und eine offene Haltung der begleitenden pädagogischen Fachkräfte. „Kinder und Jugendliche benötigen Räume, die es zulassen, dass sie selbst zu aktiven Gestalter*innen und Entscheider*innen werden. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Ideen, Perspektiven und Vorschläge einbringen und umsetzen können. Momentan beobachte ich, dass sich viele Medienscout-Projekte eher den schulischen Bedingungen und Logiken anpassen bzw. anpassen müssen. Wenn Medienscout-Workshops zum Beispiel ausschließlich in Unterrichtsstunden und den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten und Sitzordnungen stattfinden können, verwundert es nicht, dass dann auch eher etwas entsteht, was sehr an Unterricht erinnert“, sagt Claudia Kuttner. „Wird in der Ausbildung und in den entwickelten Medienscout-Angeboten vor allem auf bereits vorhandene medienpädagogische Materialien und Vorlagen zurückgegriffen, können die Projekte zudem an Authentizität und anderen Aspekten einbüßen, die Peer Learning so spannend machen. Das ist kein Plädoyer dafür, den großartigen Materialpool auszublenden, sondern eine Bestärkung, ausreichend Freiraum zu lassen. Wenn wir wollen, dass daraus wirklich ein Projekt von Jugendlichen wird, müssen wir dies auch entsprechend zulassen und fördern.“

Strukturen verändern und kreative Freiräume schaffen

Um eine Veränderung tatsächlich anstoßen zu können, sieht Claudia Kuttner es als entscheidend an, Strukturen in Bildungs- und Schulsystemen so zu verändern, dass junge Menschen in medienbezogene Schulentwicklungsprozesse direkt einbezogen werden und Freiräume zur kreativen Auseinandersetzung mit Medien haben. „Daran interessierte Medienscouts könnten noch viel stärker in den regulären Unterrichtsablauf integriert werden, um eine Verbindung zwischen dem zu schaffen, was im Ganztagsbereich und im Unterricht passiert. Im Deutschunterricht könnten Medienscouts zum Beispiel dabei unterstützen, Hörspiele zu gestalten oder Memes zu Goethes Faust zu produzieren. In den Naturwissenschaften könnten Experimente auf humorvolle oder spannende Weise medial begleitet und dokumentiert werden.“ 

Medienscouts an Grundschulen

Medienscout-Konzepte gibt es mittlerweile auch an einigen Grundschulen. Dabei setzen sich Grundschulkinder intensiv mit medialen Themen auseinander. „Was ich beobachte ist, dass so das Verständnis bei den Kindern für das eigene Medienhandeln und die Bedeutung von Medien in unserer Gesellschaft wächst. Zugleich nehme ich wahr, dass Medienscout-Projekte für die Relevanz von Medienbildung an Grundschulen sensibilisieren. Wenn Grundschul-Medienscouts beispielsweise Elternabende mitgestalten und hier aus erster Hand berichten, was sie beschäftigt, was sie gelernt haben und welche medialen Erfahrungen sie im Familienalltag machen, hat das nochmal eine andere Intensität“, schildert Claudia Kuttner. Die Arbeit an Grundschulen unterscheide sich allerdings in verschiedenen Punkten von der an anderen Schulen: „Medienscout-Projekte an Grundschulen sind und bleiben begleitungsintensiv. Medienscout-Teams an weiterführenden Schulen werden in der Regel immer selbstständiger, für innerschulische Absprachen von Terminen etablieren sich Routinen, ältere Medienscouts bilden den Nachwuchs aus und so weiter. An Grundschulen braucht es dagegen eine kontinuierliche Begleitung durch Fachkräfte. Vom Projekt scheinen zudem die Medienscouts selbst am meisten zu profitieren. Ihr Engagement schafft im Schulalltag jedoch mindestens einen zusätzlichen Anlass für Medienbildung und Elternkommunikation – darin liegt ein großes Potential.“

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* In diesem Text wird der Begriff Medienscouts verwendet.