Wenn junge Menschen zu selbstbestimmten Medienmacher*innen werden

Junge Menschen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der gesellschaftliche und politische Themen längst in digitalen Räumen verhandelt werden. Dort tauschen sie sich aus, diskutieren und inspirieren einander. Gleichzeitig werden sie aber auch mit Hass, Desinformation, Verschwörungserzählungen und extremistischer Ansprache konfrontiert. Medienbildung gewinnt in diesem Spannungsfeld eine besondere Bedeutung: Sie kann dazu beitragen, dass Heranwachsende durch eine aktive, kreative und kritisch-reflexive Auseinandersetzung in und mit Medien zu verantwortungsbewussten und kompetenten Mediennutzer*innen werden. Damit das gelingt, braucht es pädagogische Fachkräfte, die sie in solchen Prozessen begleiten. Denn selbstwirksames Handeln entsteht dort, wo Raum vorhanden ist, in dem sich junge Menschen beteiligen, ausprobieren, ihre Perspektiven einbringen und Verantwortung übernehmen können.
Projekte wie sUPpress – Medienkompetenz für Engagement und Selbstwirksamkeit des Archivs der Jugendkulturen e. V. setzen genau hier an: Das Projekt vereint Methoden aus der jugendkulturellen, politischen, kulturellen und medienpädagogischen Bildungsarbeit. Es eröffnet Jugendlichen die Möglichkeit, selbst zu gestalten, eigene Ideen einzubringen und mediale Räume kritisch zu reflektieren. Pädagogische Fachkräfte lernen an Wissen und Kompetenzen dazu, wie sie junge Menschen gut begleiten können. „Der Name des Projektes, der sich aus stand up (Englisch = eintreten), participate (Englisch = teilhaben) und press (Englisch = Presse) zusammensetzt, spiegelt das wieder, was wir mit dem Projekt – welches von 2019 bis 2024 im Rahmen des Programms Demokratie leben gefördert wurde – erreichen wollten: Dass junge Menschen ihre persönlichen Perspektiven und für sie relevante Themen in eigenen Medienproduktionen umsetzen konnten. Ziel war es, ein Bewusstsein für medienkompetentes Handeln zu schaffen bzw. zu stärken“, schildert Gabriele Rohmann, Sozialwissenschaftlerin, Journalistin und Leiterin des Projektes. Sie fügt hinzu: „Zudem ging es uns darum, das Vertrauen in seriöse und klassische Medien als wichtiges Korrektiv für Politik und problematischen Entwicklungen in der Zivilgesellschaft zu stärken, weil dieses – verstärkt auch durch die Covid-19-Pandemie – zunehmend infrage gestellt wird.“
Beziehungsarbeit ist das A und O
Als Langzeitprojekt angelegt, um kooperatives und nachhaltiges Lernen zu ermöglichen, konnten sich die teilnehmenden Jugendlichen unter pädagogischer Begleitung von Medienpädagog*innen und Journalist*innen mit einer Bandbreite an Themen auseinandersetzen; darunter auch demokratiegefährdende Phänomene wie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Sexismus. „Dabei haben wir festgestellt, wie wichtig es ist, Raum zu haben, um Beziehungsarbeit leisten zu können. Sie ist das A und O, um die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen – die überwiegend aus berufsbildenden Schulen kamen – zu verstehen und sie dabei zu unterstützen, in selbstwirksames Handeln zu kommen“, sagt Gabriele Rohmann. Sie führt aus: „Unsere Erfahrungen zeigen, dass digitale Formate dafür nicht ausreichen, sondern es auch analoge Angebote braucht, um eine gute Basis und einen Zugang zur Zielgruppe zu schaffen.“
Vom Handeln zum Wirken
Bei der Wahl des Themas und der Umsetzung zu einem Medienprodukt, waren die Jugendlichen frei in der Konzeption, Gestaltung und Durchführung. Entstanden ist eine bunte Palette an kreativen Medienproduktionen, von Interviews mit Influencer*innen aus der Gaming- und Musikszene, Kurzfilmen, Social-Media-Accounts bis hin zu kleinen Spielen. In einem Stumm-Animationsfilm mit Figuren aus Knete zum Beispiel erzählen die jungen Produzent*innen die Geschichte von heimatlosen Tieren, die auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind und greifen so die Themen Fremdenfeindlichkeit, Solidarität, Engagement und Zusammenhalt auf. „Besonders wichtig in diesem Prozess war uns, dass die Teilnehmenden ihre eigenen Ideen einbringen, Entscheidungen selbst treffen und den gesamten Gestaltungsprozess eigenständig verantworten konnten. So erlebten sie unmittelbar, dass ihr Handeln Einfluss hat und zu sichtbaren Ergebnissen führt“, betont Gabriele Rohmann.
Handlungskompetenz pädagogischer Fachkräfte stärken
Was interessiert junge Menschen? Womit beschäftigen sie sich online? In den Schulungen für pädagogische Fachkräfte, darunter Lehrkräfte, außerschulische Fachkräfte und auch weitere Multiplikator*innen wie Polizist*innen, ging es zum einen darum, die Vielfalt an Jugendkulturen kennenzulernen. Zum anderen ging es darum, die Medienkompetenz von Fachkräften zu stärken. Darüber hinaus beschäftigten sich die Teilnehmenden der Schulungen mit demokratieherausfordernden Themen wie u. a. Extremismus, Verschwörungserzählungen und Desinformation. „Unser Ziel war es, die Teilnehmenden für die verschiedenen Facetten von Jugendkulturen zu sensibilisieren, ihnen Wissen zu vermitteln und sie in ihrer Handlungskompetenz in der Interaktion mit Jugendlichen zu stärken. Einen Teil der Methoden und verschiedene best practice-Übungen finden sich in unserer Publikation zum Projekt“, erläutert Gabriele Rohmann.
Mehr Informationen
- Das Projekt Digitale Labore – kompetent für Resilienz gegen Hass im Netz und Desinformation, welches seit Januar 2025 läuft und ebenfalls vom Archiv der Jugendkulturen durchgeführt wird, möchte Jugendliche, junge Erwachsene und pädagogische Fachkräfte in ihrer Medienkompetenz stärken. Schwerpunkte sind Online-Misogynie, Antisemitismus, Israelhass und Antimuslimischer Rassismus im Kontext des Nahostkonflikts sowie die Abwertung und Bedrohung von emanzipatorischen Initiativen und sozialen Bewegungen.
- Die kreative und kritische Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen mit Medien fördern auch der Dieter Baacke Preis der GMK und der Deutsche Multimediapreis mb21 des KJF.
- Das Projekt JUUU-KI! von JUUUPORT unterstützt junge Menschen in seinem selbstbewussten Medienhandeln im Hinblick auf den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.