Medienbildung im Ganztag: Die Chance digitale Teilhabe zu ermöglichen

Am 1. August 2026 trat das Ganztagsförderungsgesetz in Kraft. Damit erlangt ein schon älteres Anliegen neue Dynamik. Das Ziel, Schulen in Ganztagsschulen auszubauen, ist bereits über 25 Jahre alt. Mit der ersten PISA-Studie 2001 wurde klar, dass der Bildungserfolg stark von der sozialen Herkunft abhängig ist (vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg). Der Ausbau von Ganztagsschulen wurde somit zu einer zentralen bildungspolitischen Maßnahme, u. a. um Kinder individueller zu fördern, Bildungsungleichheiten zu verringern, zusätzliche Lern- und Förderangebote zu ermöglichen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern (vgl. BMBFSFJ, KMK 2023). Der Ausbau von Ganztagsangeboten eröffnet zudem neue Möglichkeiten, Medienbildung stärker in Schulen zu verankern.
Ganztag – was heißt das überhaupt?
Wenn von „Ganztag“ die Rede ist, ist meist das Nachmittagsprogramm von Schulen nach dem Unterricht gemeint. Es gibt aber durchaus auch Schulen, die zusätzliche Angebote über den Tag verteilen und Unterricht und weitere Angebote wie beispielsweise Projekte, AGs und Workshops, im Wechsel durchführen. Durch eine enge Verzahnung von Unterricht und außerunterrichtlichen Elementen bietet der Ganztag grundsätzlich die Chance, den Schulalltag grundlegend weiterzuentwickeln (vgl. Kielblock et al. 2021). Ein Blick in die StEG-Studie zeigt, dass Ganztag bundesweit, aber auch innerhalb von Ländern oder Kommunen sehr unterschiedlich aussehen kann (vgl. Konsortium der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG)). Was in den ostdeutschen Bundesländern schon lange etabliert ist, hat in einigen westdeutschen Ländern noch Nachholbedarf. Die aktuelle Lage in den Bundesländern zeigt dieser Artikel des Schulportals.
Verschiedene Ganztagsmodelle
Es gibt offene, teilgebundene und gebundene Ganztagsmodelle und eine Zusammenarbeit von Schulen, Jugendhilfe, Vereinen und anderen Trägern (vgl. KMK 2013). In 2024 lag der Anteil der Grundschulen mit offenen Ganztagsangeboten bei 64,2 Prozent, mit teilweise gebundenen Angeboten bei 7,0 Prozent und mit gebundenen Angeboten bei 2,6 Prozent (vgl. KMK 2026).
In offenen Ganztagsschulen findet der reguläre Unterricht vormittags statt. Die Schüler*innen können freiwillig an den Nachmittagsangeboten teilnehmen. In teilgebundenen Ganztagsschulen sind einige Angebote freiwillig, andere teilweise verpflichtend, zum Beispiel für bestimmte Klassenstufen. In gebundenen Ganztagsschulen sind alle Schüler*innen verpflichtet an den ganztägigen Angeboten teilzunehmen.
Entscheidend für den Erfolg von Ganztagsschulen ist die Rhythmisierung von Unterricht und Ganztagsangeboten (vgl. Hermes 2026, Kielblock et al. 2021). Das bedeutet ein ausgewogener Wechsel zwischen Konzentration und Entspannung, Ruhe und Bewegung und theoretischem und praktischen Lernen. So sollen die Lernmotivation erhöht, das ganzheitliche Lernen erleichtert und individuelle Förderung ermöglicht werden. Die Rhythmisierung geht mit einer Weiterentwicklung der Unterrichts- und Schulkultur einher. Wie Schulen die Rhythmisierung konkret ausgestalten, ist ihnen überlassen. In gebundenen Ganztagsschulen können Phasen der Bewegung oder Freizeit, der Projektarbeit oder individuelle Lernphasen auch am Vormittag stattfinden und Fachunterricht am Nachmittag. Wichtig ist, dass Schulen den Ganztag so gestalten, dass sie an den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen ausrichten und diese partizipativ einbeziehen (vgl. Hermes 2026, Kielblock 2021).
Bevor es losgehen kann: Kooperation und Konzept
Bevor in Schulen konkrete Angebote, wie Sportangebote, Theaterprojekte oder eine Social-Media-AG umgesetzt werden können, braucht es konzeptionelle Überlegungen, strukturelle Organisation und Zusammenarbeit zwischen den Akteur*innen.
Zunächst müssen die verschiedenen Wirkebenen im Ganztag betrachtet werden: die Makroebene (politische, rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen), die koordinierende Mesoebene (kommunale und institutionelle Koordination und Netzwerkbildung, z. B. Ganztagskonzepte, Schulentwicklung, Bildungslandschaften) sowie die Mikroebene (konkrete pädagogische Angebote, Beziehungsgestaltung zwischen schulischen und außerschulischen Akteur*innen) (vgl. Eichhorn 2026).
Das bedeutet: Es müssen die unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnisse der verschiedenen Akteur*innen, die im Ganztag involviert sind, mitgedacht werden. Zudem müssen Herausforderungen für die Umsetzung von Ganztagsangeboten berücksichtigt werden. Diese reichen z. B. von der Organisation zusätzlicher Räume, zusätzlicher Fahrtwege – insbesondere im ländlichen Raum – Personalbedarf oder zusätzlicher Verpflegung der Kinder bis hin zu Kooperationen mit Institutionen im Umfeld der Schule. Nicht zu vergessen ist zudem die Erarbeitung eines Konzepts, das die Wünsche und Perspektiven von Schüler*innen berücksichtigt und einbezieht (vgl. Kielblock et al. 2021).
Eine gute Zusammenarbeit der Verwaltungsebene, der Schulleitung, der pädagogischen Fachkräfte, der Schüler*innen, Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendhilfe sowie anderen Anbieter*innen von Angeboten, ist für eine nachhaltige und erfolgreiche Umsetzung essenziell. Es braucht Raum und Zeit für Annäherungen, gegenseitige Offenheit und Austausch auf Augenhöhe, da Perspektiven und Haltungen aus formaler und non-formaler Bildung unterschiedlich sein können (vgl. Hermes 2026; Kielblock et al. 2021).
Warum bietet der Ganztag besondere Chancen für Medienbildung?
Gerade der Ganztag bietet besondere Möglichkeiten, um Medienbildung lebensnah und praxisorientiert umzusetzen und wirklich alle Kinder zu erreichen. Digitale Teilhabe setzt digitale Kompetenzen voraus, die nicht bei allen Kindern gleichermaßen vorhanden sind und nicht davon abhängig sein dürfen, welche digitalen Erfahrungen, Kenntnisse und Unterstützungsmöglichkeiten im Elternhaus gegeben sind. Digitale Bildung ist daher eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und muss für alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen und familiären Herkunft zugänglich sein.
Als Lern- und Lebensraum schafft der Ganztag über den regulären Unterricht hinaus Freiräume für gemeinsames Lernen, Entdecken und Ausprobieren – so auch mit Angeboten, die die Medienkompetenz von allen Kindern und Jugendlichen fördern.
Dass Medienbildung in der Schule kein Nice-to-have, sondern ein Muss ist, zeigt sich auch durch die KMK: Die Kultusministerkonferenz macht mit der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ deutlich, dass Medienbildung ein wichtiger Bestandteil des Bildungsauftrags ist (vgl. KMK 2017 und KMK 2021). Dass Schulen dabei eine zentrale Rolle spielen und in der Verantwortung stehen, digitale Resilienz zu stärken, ein reflektiertes Bewusstsein für das eigene Mediennutzungsverhalten zu fördern sowie klare Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche zu ergreifen, betont die Bildungsministerkonferenz in ihrer gemeinsamen Erklärung zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich (vgl. BMK 2026).
Für die Medienbildung bedeutet das: Die zusätzlichen Zeiträume im Ganztag ermöglichen längerfristige Projekte, Workshops und Arbeitsgemeinschaften, in denen Kinder und Jugendliche eigene Interessen einbringen, Themen aus ihrem Alltag aufgreifen und sich aktiv damit auseinandersetzen können.
Wie kann Medienbildung im Ganztag aussehen?
Bevor man in die Planung von einzelnen medienpädagogischen Maßnahmen geht, empfiehlt es sich als Schule ein nachhaltiges Medienkonzept zu erarbeiten. Generell gilt: Projekte, Workshops und AGs im Ganztag sollten in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen andocken und sie aktiv und partizipativ einbeziehen, z. B.:
- Mit Medien kreativ gestalten: z. B. Podcast, Film, Fotografie, Coding und Making
- Medienthemen wie u. a. Desinformation, Hassrede, extremistische Ansprache, Funktionsweise von Algorithmen, etc. kritisch reflektieren, z. B. durch spielerische Methoden und Gaming
- Lernen verantwortungsvoll und sicher zu handeln: z. B. Datenschutz, Privatsphäre.
Fazit
Medienbildung im Ganztag bedeutet, alle Kinder und Jugendliche zu erreichen und ihnen Räume zu eröffnen, in denen sie digitale Medien verstehen, kritisch hinterfragen, kreativ nutzen und selbst gestalten können. Der Ganztag bietet dafür besondere Möglichkeiten: Er schafft zusätzliche Zeit für praktische Erfahrungen, ermöglicht individuelles Lernen und eröffnet Chancen für die Zusammenarbeit unterschiedlicher pädagogischer Akteur*innen. So kann er einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Kinder und Jugendliche zu einer selbstbestimmten und verantwortungsvollen digitalen Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen. Dafür braucht es einen engen Austausch zwischen Schulen und außerschulischen Trägern, in dem unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und gemeinsam darauf ausgerichtet werden, die digitale Teilhabe und Resilienz von Kindern und Jugendlichen zu stärken.
Mehr Informationen:
- Wie eine Kooperation zwischen schulischen und außerschulischen Partner*innen gelingen kann, erfahrt ihr im Interview mit Alexander Wittkowski aus unserem NetzwerkLAB Merseburg.
- Ideen für Methoden und Materialien finden Fachkräfte zum Beispiel in der BroschüreIndividuell, interaktiv, vielfältig – Medien im Ganztag nutzender Qualitäts- und Unterstützungsagentur - Landesinstitut für Schule des Landes Nordrhein-Westfalen.
- Wie Projekte aussehen können, die die Medienkompetenz von Kindern in der Grundschule stärken, zeigt unser Lokales Netzwerk MedienMonsteraus Essen.
- Über den Ausbau des Ganztags, Qualitätsanspruch und Potenziale für mehr Bildungsgerechtigkeit durch den Rechtsanspruch auf Ganztag geht es im Artikel der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V.
- Sechs praxisorientierte Broschüren des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation geben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, Best-Practice-Beispielen und konkreten Tipps Orientierung für die Qualitätsentwicklung im Ganztag.
- Wie ein Medienkonzept an Ganztagsschulen aussehen kann, erläutert Jacqueline Hain im Interview.
- Wie Peer-to-Peer-Learning im Ganztag gestaltet werden kann, schildert Claudia Kuttner im Interview,
Quellen:
BMBFSFJ: Recht auf Ganztag: Was Eltern wissen müssen. Online abrufbar unter: https://www.recht-auf-ganztag.de/gb/eltern/ganztag-kurz-erklaert [letzter Zugriff am 20.07.26].
BMK (2026): Erklärung der Bildungsministerkonferenz zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich. Online abrufbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2026/2026_06_12-Social-Media-Erklaerung.pdf [letzter Zugriff am 12.08.26].
Eichhorn, Dominik (2026): Von der Nebenerscheinung zum strategischen Instrument für Bildungsgerechtigkeit: Kulturelle Bildung im Ganztag. Online abrufbar unter: https://www.bkj.de/magazin/von-der-nebenerscheinung-zum-strategischen-instrument-fuer-bildungsgerechtigkeit-kulturelle-bildung-im-ganztag/ [letzter Zugriff am 12.08.26].
Elias, M., Gapski, H., Hugger, K.-U., Jäkel, H.R., Riettiens, L., Schnell, M., Tekster, T., Tillmann, A. und Züchner, I. (2025). Digitale Medien und Medienbildung in der sozialen Welt der Ganztagsschule. TH Köln. Online abrufbar unter: https://epb.bibl.th-koeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/3150/file/Ganztag_digital_online_Gesamtdokument.pdf [letzter Zugriff am 20.07.26].
Hugger, K.-U., Tillmann, A., Kaspar, K., Züchner, I., Gapski, H., Bührer, A., Goren, M., Schäfer, F., Meier, J. V., Jäkel, H. und Klann, S. (2020): Medienbildung in der Ganztagsschule. Eine theoretische Konzeptualisierung der Ermöglichung von Bildung mit und über digitale Medien im Zusammenspiel der Bildungskontexte. In: Kaspar, K., Becker-Mrotzek, M., Hofhues, S., König, J., Schmeinck, D. (Hrsg.), Bildung, Schule, Digitalisierung, Münster, Waxmann. Online abrufbar unter: https://www.researchgate.net/publication/347438124_Medienbildung_in_der_Ganztagsschule_Eine_theoretische_Konzeptualisierung_der_Ermoglichung_von_Bildung_mit_und_uber_digitale_Medien_im_Zusammenspiel_der_Bildungskontexte [letzter Zugriff am 20.07.26].
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